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Wie hoch ist Türkeis Durchschnitts-IQ?

Wie hoch ist Türkeis Durchschnitts-IQ?

Wenn du danach suchst, stößt du auf Tabellen, die Länder nach ihrem IQ sortieren. Für die Türkei wird ebenfalls eine Zahl genannt und eine akademische Studie als Quelle angegeben.

Dieser Artikel wiederholt diese Zahl nicht. Er tut etwas viel Nützlicheres: Er erklärt, woher diese Zahl kommt. Denn sobald du die Quelle kennst, verstehst du auch, warum du die Zahl nicht ernst nehmen solltest.

Woher die Zahlen kommen

Nahezu alle Länder-IQ-Tabellen im Internet stützen sich auf eine einzige Quelle: eine Datensammlung, die Anfang der 2000er Jahre veröffentlicht und in den Folgejahren aktualisiert wurde.

Diese Sammlung sollte alte Studien aus aller Welt zusammentragen, um Länderdurchschnitte zu berechnen. Die Idee klingt plausibel. Die Umsetzung weist jedoch schwere Mängel auf.

Problem 1: Nicht repräsentative Stichproben

Um den Durchschnitt eines Landes zu berechnen, braucht man eine repräsentative Stichprobe: ausgewogen nach Regionen, Bildungsniveau und Altersverteilung.

Die meisten Daten der Sammlung erfüllen diese Bedingung nicht. Der „nationale Durchschnitt“ mancher Länder wurde aus Gruppen von nur wenigen Dutzend Personen berechnet. Andere stammten aus einer einzigen Schule in einer Stadt oder aus Spezialgruppen bestimmter Institutionen.

Aus einer solchen Stichprobe einen nationalen Durchschnitt abzuleiten ist so, als würde man das Durchschnittseinkommen eines einzelnen Stadtviertels heranziehen, um das Gesamteinkommen eines Landes zu berechnen.

Problem 2: Manche Zahlen wurden nie gemessen

Das ist der am wenigsten bekannte und erstaunlichste Punkt.

Für einige Länder in der Sammlung gab es überhaupt keine Daten. Die Werte dieser Länder wurden aus den Durchschnitten der Nachbarländer geschätzt.

Etliche Zahlen in den Tabellen sind also nicht das Ergebnis einer Messung, sondern einer Interpolation. Dennoch werden sie in den Übersichten mit derselben Präzision dargestellt wie tatsächlich gemessene Werte.

Problem 3: Tests und Jahrgänge sind nicht vergleichbar

Die Studien der Datensammlung wurden mit unterschiedlichen Tests, in verschiedenen Jahren und an abweichenden Altersgruppen durchgeführt.

  • Die Daten eines Landes stammen aus den 1970er-Jahren, die eines anderen aus den 2000er-Jahren.
  • In einer Studie wurden Kinder getestet, in einer anderen Erwachsene.
  • Die verwendeten Tests unterscheiden sich und wurden für das jeweilige Land oft nie normiert.

Das kritischste Problem dabei ist der Flynn-Effekt: IQ-Werte stiegen im Laufe des 20. Jahrhunderts pro Jahrzehnt um durchschnittlich 3 Punkte. Vergleicht man ein 1970 gemessenes Land direkt mit einem 2005 gemessenen Land, kann ein Großteil des Unterschieds allein auf das Messjahr zurückzuführen sein.

Problem 4: Der Test selbst ist kulturgebunden

IQ-Tests werden für die jeweilige Gesellschaft normiert, in der sie angewendet werden. Einen Test, der für eine bestimmte Kultur entwickelt wurde, ohne Anpassung in einer anderen einzusetzen, ist methodisch problematisch.

Testfragen – besonders im verbalen Teil und im Allgemeinwissen – setzen eine bestimmte Bildungstradition und Alltagserfahrung voraus. Selbst abstrakte Figuren-Tests sind nicht völlig kulturfrei: Die Gewohnheit, in abstrakten Mustern zu denken, wird maßgeblich durch Schulbildung geprägt.

Was die wissenschaftliche Kritik sagt

Forschende, die diesen Datensatz neu analysierten, stellten schwerwiegende Auswahl- und Stichprobenfehler fest, insbesondere in Regionen mit der geringsten Datenqualität. Veröffentlichte Kritiken zeigten, dass etliche Länderwerte wissenschaftlich nicht haltbar sind.

Heute gilt in der Fachwelt: Diese Tabellen sind keine gültige Quelle für den Vergleich nationaler kognitiver Fähigkeiten. Trotzdem zirkulieren sie im Netz am häufigsten – weil sie einfach, leicht zu ranken und gut teilbar sind.

Lässt sich das gar nicht messen?

Es lässt sich messen – aber die Anforderungen sind hoch:

  • Eine für die Gesamtbevölkerung repräsentative Stichprobe nach Region und sozioökonomischem Status
  • Ein speziell für dieses Land normierter Test
  • Standardisierte Testbedingungen
  • Im selben Zeitraum erhobene Vergleichsdaten

Eine internationale IQ-Studie, die diese Kriterien erfüllt und vergleichende Daten liefert, gibt es bisher nicht. Vorhanden sind lediglich einzelne Normierungsstudien in bestimmten Ländern – und diese wurden nicht für länderübergreifende Vergleiche konzipiert.

Welche Daten man stattdessen betrachten kann

Wenn du die kognitive Leistungsfähigkeit von Ländern vergleichen möchtest, gibt es eine methodisch wesentlich verlässlichere Quelle: PISA.

Die Vorteile von PISA sind konkret:

  • Im selben Jahr, in der selben Altersgruppe (15-Jährige) und mit demselben Instrument durchgeführt
  • Standardisierte und überprüfte Stichprobenauswahl
  • Vollständig veröffentlichte Ergebnisse
  • Berücksichtigung sozioökonomischer Variablen

Die Ergebnisse der Türkei bei PISA 2022: Mathematik 453, Lesen 456, Naturwissenschaften 476. Die OECD-Durchschnitte liegen bei 472, 476 und 485. Damit liegt das Land in allen drei Bereichen unter dem Durchschnitt.

Aber Achtung: PISA ist keine Intelligenzmessung, sondern misst Bildungsergebnisse. Beide hängen zusammen, sind aber nicht identisch. Für mehr Details kannst du unseren Artikel Was PISA ist und warum die Türkei unter dem Durchschnitt liegt lesen.

Warum ein nationaler Durchschnitt wenig aussagt

Abgesehen von den methodischen Mängeln ist auch der praktische Nutzen einer solchen Zahl gering.

Die Abweichungen innerhalb eines Landes sind um ein Vielfaches größer als die Unterschiede zwischen Ländern. Die Spanne zwischen den niedrigsten und höchsten Werten innerhalb eines einzelnen Landes übersteigt die Differenzen zwischen den Länderdurchschnitten bei Weitem.

Der Durchschnittswert eines Landes sagt also fast nichts über eine zufällig ausgewählte Einzelperson aus diesem Land aus. Statisch gesehen ist der Informationsgehalt minimal.

Zudem hängen Durchschnittswerte stark mit veränderbaren Faktoren zusammen: Ernährung, Zugang zu medizinischer Versorgung, Schuldauer und frühkindliche Bildung. Das sind keine unveränderlichen Eigenschaften – der Flynn-Effekt zeigt genau das: Verbessern sich diese Lebensbedingungen, steigen auch die Testergebnisse.

Häufig gestellte Fragen

Ist der Wert für die Türkei in diesen Listen also falsch?

Um eine Zahl als „falsch“ zu bezeichnen, müsste es erst einmal eine richtige geben. Das Problem ist, dass dieser Wert nicht auf einer verlässlichen Messung beruht. Er ist nicht bloß falsch – er ist grundlos.

Warum sind diese Ranking-Listen so weit verbreitet?

Sie sind simpel, erzeugen leicht Ranglisten und sorgen für Diskussionen. Methodische Kritik hingegen ist komplex und eignet sich weniger für soziale Medien.

Gibt es wirklich Unterschiede zwischen Ländern?

Bei den Bildungsergebnissen gibt es messbare Unterschiede, die durch Erhebungen wie PISA belegt sind. Die Ursachen dafür liegen jedoch hauptsächlich im Bildungssystem, den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den Gesundheitsindikatoren.

Wie erfahre ich meinen eigenen Wert?

Der nationale Durchschnitt sagt nichts über dich persönlich aus – entscheidend ist deine eigene Leistung. Für eine erste Orientierung kannst du unseren kostenlosen IQ-Test machen. Für eine offizielle Auswertung lies unseren Leitfaden Wie man seinen IQ-Wert ermittelt.

EK

Emre Karaman

Ich habe Test Merkezim gegründet, damit Menschen sich kostenlos testen und mit Denkspielen eine gute Zeit haben können. Gestaltung und Entwicklung liegen bei mir; zugleich mache ich die Plattform Schritt für Schritt nützlicher und zugänglicher. Über mich