Stell dir ein Kind vor, das mündlich alles erklären kann, im Gespräch aufgeweckt und bei Spielen schnell ist. Doch beim Lesen buchstabiert es jedes Wort einzeln, ist nach zwei Zeilen erschöpft und weiß nicht mehr, was es gelesen hat. Die Lehrerin sagt: „Wenn es ein bisschen mehr übt, wird das schon." Das Kind übt, aber es wird nicht besser. Irgendwann sagt es sich selbst: „Ich bin dumm." So sieht die bekannteste Geschichte einer Lernstörung ungefähr aus, und das Schmerzlichste daran ist, wie oft sie falsch gedeutet wird.
Was genau ist eine Lernstörung?
Fachlich spricht man von einer umschriebenen Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten. Gemeint ist ein neurologisch bedingter Zustand, bei dem die Leistungen in einem oder mehreren Grundbereichen wie Lesen, Schreiben oder Rechnen deutlich unter dem liegen, was nach Alter und Unterricht zu erwarten wäre. Das Wort „umschrieben" ist wichtig: Die Schwierigkeit ist nicht allgemein, sondern auf einen bestimmten Bereich begrenzt.
Am häufigsten wird dabei die Intelligenz falsch eingeschätzt. Kinder mit Lernstörungen sind in der Regel normal intelligent. Für die Diagnose muss eine geistige Behinderung sogar ausgeschlossen werden. Das Kind kann also nicht „nicht lernen", es lernt eine bestimmte Fähigkeit nur auf anderem Weg und mit mehr Unterstützung als andere Kinder.
Nach den Diagnosekriterien muss die Schwierigkeit außerdem trotz gezielter Förderung mindestens sechs Monate bestehen. Die Logik dahinter ist einfach: Ein Kind, das nur schlechten oder lückenhaften Unterricht hatte, holt mit der richtigen Hilfe schnell auf. Bei einer Lernstörung bringt Förderung Fortschritte, aber die Schwierigkeit verschwindet nicht so leicht.
Wie häufig Lernstörungen sind, wird unterschiedlich angegeben; oft ist von 5 bis 15 Prozent der Schulkinder die Rede. Die genaue Zahl hängt von Land, Sprache und Kriterien ab, aber es betrifft eindeutig in den meisten Klassen mindestens ein oder zwei Kinder.
Formen von Lernstörungen
Lesestörung (Legasthenie)
Die bekannteste und häufigste Form. Das Kind tut sich schwer, Buchstaben mit Lauten zu verbinden, Wörter zu erkennen und flüssig zu lesen. Auch das Textverständnis leidet, denn wenn die ganze Kraft ins Entziffern geht, bleibt für den Inhalt wenig übrig.
Die Sprache spielt dabei eine interessante Rolle. In Sprachen mit unregelmäßiger Schreibung wie Englisch zeigt sich Legasthenie stärker durch Lesefehler. In Sprachen, die weitgehend so gelesen werden, wie sie geschrieben sind, etwa Deutsch, Türkisch oder Italienisch, lernen Kinder mit der Zeit oft, richtig zu lesen, doch das Lesen kann sehr langsam und mühsam bleiben. „Es liest doch richtig, also ist alles in Ordnung" kann deshalb in die Irre führen. Lesetempo und Erschöpfung zählen genauso wie Genauigkeit.
Rechenstörung (Dyskalkulie)
Deutliche Schwierigkeiten, ein Zahlverständnis aufzubauen, Grundaufgaben abzurufen und mathematisch zu denken. Ein Kind kann vielleicht nicht schnell sagen, ob 7 oder 5 größer ist, rechnet Jahre später noch mit den Fingern, und das Einmaleins will einfach nicht sitzen. Auch Alltägliches wie die Uhr lesen oder Wechselgeld ausrechnen kann schwerfallen.
Störung des schriftlichen Ausdrucks
Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler, Mühe, Gedanken aufzuschreiben, Sätze zu bilden und Absätze zu ordnen. Typisch ist ein Kind, das mündlich eine wunderbare Geschichte erzählt, sie aber in zwei Sätzen aufschreibt. Manchmal kommt eine sehr unleserliche, langsame Handschrift dazu.
Diese Formen können einzeln oder gemeinsam auftreten. Außerdem geht ADHS häufig mit Lernstörungen einher, und beides lässt sich leicht verwechseln: Ein Kind, das schlecht liest, bleibt am Anfang eines Textes hängen und wirkt abgelenkt. Mehr dazu in ADHS bei Kindern.
Auf welche Anzeichen solltest du achten?
Ein einzelnes Anzeichen bedeutet für sich nichts. Entscheidend ist, ob mehrere zusammenkommen, ob sie sich deutlich von Gleichaltrigen unterscheiden und ob sie mit der Zeit nicht verschwinden.
Vor der Schule können manche Hinweise früh auffallen: Schwierigkeiten, Reimwörter zu finden, Buchstaben- und Zahlennamen zu lernen, zu zählen und die Reihenfolge einzuhalten, und ähnliche Schwierigkeiten in der Familie.
In den ersten Schuljahren geht das Lesen- und Schreibenlernen sehr langsam voran, Buchstaben und Laute zuzuordnen fällt schwer, dasselbe Wort scheint jedes Mal neu entziffert zu werden, und einfache Plus- und Minusaufgaben bleiben nicht hängen.
In höheren Klassen ist das Lesen immer noch langsam, lautes Vorlesen wird vermieden, schriftliche Prüfungen liegen weit unter den mündlichen Leistungen, und Hausaufgaben dauern viel länger als bei anderen.
Ein Punkt verdient Aufmerksamkeit. Wenn ein Erstklässler „b" und „d" verwechselt oder manche Buchstaben spiegelverkehrt schreibt, ist das sehr häufig und für sich allein kein Zeichen einer Lernstörung. Bei den meisten Kindern verliert sich das innerhalb weniger Jahre. Bedenklich wird es, wenn gleichzeitig auch das Lesen nicht vorankommt.
Woher kommt eine Lernstörung?
Lernstörungen hängen mit Unterschieden darin zusammen, wie das Gehirn Sprach- und Zahleninformationen verarbeitet. Sie treten deutlich familiär gehäuft auf: Hat ein Elternteil Leseschwierigkeiten, steigt die Wahrscheinlichkeit beim Kind. Auch Faktoren wie eine Frühgeburt können das Risiko erhöhen.
Ebenso wichtig ist, was sie nicht ist. Eine Lernstörung entsteht nicht durch Faulheit, zu wenig Üben oder desinteressierte Eltern. Auch Sehprobleme sind nicht die Ursache; die Augen sollten zwar untersucht werden, aber es gibt keine verlässlichen Belege, dass Augenübungen oder Farbbrillen Legasthenie behandeln.
Wie wird eine Lernstörung festgestellt?
Die Abklärung übernehmen in der Regel Fachleute aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Kinder- und Jugendpsychotherapie oder sozialpädiatrische Zentren. Dazu gehören die Entwicklungsgeschichte, ein Blick auf Schulleistungen und Beobachtungen der Lehrkräfte sowie Tests zu Lesen, Rechtschreibung und Rechnen. Meist gehört auch ein Intelligenztest dazu, weil eine geistige Behinderung ausgeschlossen werden muss; wie das funktioniert, erklären wir in Wie findet man heraus, wie hoch der eigene IQ ist? Hör- und Sehprobleme sollten ebenfalls ausgeschlossen werden.
Die Schule ist oft die erste Anlaufstelle. In den meisten Bundesländern und Kantonen gibt es Wege, eine Abklärung anzustoßen und Nachteilsausgleich oder Förderung zu beantragen.
Früh zu handeln, macht wirklich einen Unterschied. Je früher eine Leseschwierigkeit erkannt wird, desto weniger Jahre verbringt ein Kind mit dem Gefühl „Ich kann das nicht".
Wie sieht Unterstützung aus?
Eine Lernstörung wird nicht mit Medikamenten behandelt. Was hilft, ist gut strukturierte, auf das einzelne Kind zugeschnittene Förderung. Bei Leseschwierigkeiten ist das am besten belegte Vorgehen, die Verbindung zwischen Buchstaben und Lauten ausdrücklich, systematisch und Schritt für Schritt zu üben. Auch Methoden, die mehrere Sinne verbinden, werden oft eingesetzt: einen Buchstaben sehen, aussprechen und mit dem Finger in Sand nachfahren zum Beispiel.
Auch Anpassungen in der Schule zählen: mehr Zeit bei Prüfungen, vorgelesene Aufgaben, lange Arbeiten in Teilen und eine Bewertung des Inhalts getrennt von der Rechtschreibung. Das sind keine „Erleichterungen", sondern gleiche Voraussetzungen, damit das Kind zeigen kann, was es weiß.
Was Eltern zu Hause tun können
Am wichtigsten ist es, das Selbstvertrauen des Kindes zu schützen. Viele Kinder mit Lernstörungen gelten vor der Diagnose jahrelang als „faul", „schlampig" oder „unmotiviert" und übernehmen diese Etiketten. Dieses Gefühl kann ebenso tiefe Spuren hinterlassen wie die Schwierigkeit in der Schule.
- Stärken sichtbar machen. Malen, Sport, Musik, Dinge reparieren, Geschichten erzählen... Ein Bereich, in dem das Kind glänzt, gibt ihm an schwierigen Schultagen Halt.
- Gemeinsam lesen, aber keine Prüfung daraus machen. Abwechselnd Seiten lesen, Bücher zu Lieblingsthemen aussuchen und Hörbücher auch als Lesen gelten lassen nimmt dem Lesen den Strafcharakter.
- Hausaufgabenzeit begrenzen. Hausaufgaben, die zwei Stunden dauern und in Tränen enden, helfen weder dem Lernen noch eurer Beziehung. Mit der Lehrkraft eine vernünftige Zeitgrenze abzusprechen, ist oft möglich.
- Vergleiche mit Geschwistern oder Mitschülern vermeiden. Das Kind sieht den Unterschied ohnehin besser als alle anderen.
Auch Spiele können helfen, ersetzen aber keine Förderung. Ohne Druck mit Buchstaben und Wörtern zu spielen, entspannt das Verhältnis zum Lesen. Galgenmännchen und Wortsuche sind dafür schöne Möglichkeiten. Für Kinder mit Rechenschwierigkeiten können Spiele mit Zeitlimit Stress auslösen; etwas wie Kopfrechnen probierst du besser erst, wenn sich das Kind bereit fühlt, und nur zum Spaß. Rätsel ohne Zeitdruck wie das Wasserkrug-Rätsel sind ein guter Weg, entspannt mit Zahlen umzugehen. Weitere Ideen nach Alter findest du in Denkspiele für Kinder.
Was langfristig zu erwarten ist
Eine Lernstörung verschwindet mit dem Älterwerden nicht einfach, aber mit der richtigen Unterstützung lernen Kinder, damit zu leben und Wege zu finden, sie auszugleichen. Viele Erwachsene mit Leseschwierigkeiten lesen zwar langsam, meistern aber Beruf, Alltag und Weiterlernen sehr gut. Einer der wichtigsten Faktoren ist dabei die Kindheit: Ein Kind, das in einem verständnisvollen Umfeld aufwächst, lernt, sich nicht als Versager zu sehen, sondern als jemanden, der anders lernt.