Lernen & Intelligenz

Vorteile von Übungstests: Was dir das Lösen von Aufgaben wirklich bringt

Vorteile von Übungstests: Was dir das Lösen von Aufgaben wirklich bringt

Im Unterricht wirkt alles klar. Die Lehrerin schreibt die Formel an die Tafel, rechnet ein Beispiel Schritt für Schritt vor, und du nickst. Zu Hause nimmst du dir die erste Aufgabe vor, und der Stift bleibt in der Luft hängen.

Dieses Stocken hat nichts mit Intelligenz zu tun. Etwas zu verstehen und es in einer neuen Situation anwenden zu können, sind zwei verschiedene Fähigkeiten, und die Lücke dazwischen schließt sich nicht von allein. Genau in dieser Lücke zeigen sich die Vorteile von Übungstests am deutlichsten: Eine Aufgabe macht aus etwas, das du zu wissen glaubst, Wissen, das du anwenden kannst. Oder sie zeigt dir ehrlich, dass es noch nicht so weit ist.

Werbung

Verstehen ist nicht dasselbe wie Anwenden

Eine Schülerin kann die Potenzgesetze fehlerfrei aufsagen. Dieselbe Regel wiederzuerkennen, wenn sie in einer Geschichte über Bakterien steckt, die sich jede Stunde verdoppeln, ist eine andere Aufgabe. Beim Textverständnis ist es nicht anders. Zu erklären, was eine Kernaussage ist, fällt leicht; die Kernaussage eines zehnzeiligen Absatzes unter vier plausiblen Antworten zu finden, verlangt eine ganz andere Fähigkeit.

Testfragen fragen Wissen selten in der Form ab, in der du es gelernt hast. Statt der Definition legen sie dir eine Situation vor, in der die Definition gebraucht wird. Bei jeder Aufgabe muss dein Kopf zuerst zuordnen: Welches Thema ist das, welche Regel gilt hier? Beim erneuten Lesen deiner Notizen übst du diese Zuordnung nie, dabei verlangt die Prüfung genau sie.

Dazu kommt die Gedächtnisseite. Um eine Aufgabe zu lösen, musst du die Information aus dem Gedächtnis abrufen, und diese Anstrengung hinterlässt eine dauerhaftere Spur als das erneute Lesen desselben Stoffs. Die Gedächtnisforschung weist seit Langem in diese Richtung. Wie das funktioniert und wie du daraus einen Wiederholungsplan machst, erklären wir in unserem Beitrag zu Spaced Repetition und Active Recall.

Ein unterschätzter Vorteil von Übungstests: die falschen Antworten

Die falschen Antwortmöglichkeiten einer Multiple-Choice-Aufgabe sind nicht zufällig gewählt. Bei gut gemachten Aufgaben beruhen die meisten auf Fehlern, die häufig passieren. Man nennt sie Distraktoren, und ihre Aufgabe ist es, alle anzulocken, die das Thema nur halb verstanden haben.

Ein Beispiel: Eine Jacke kostet 250 Euro, es gibt 20 % Rabatt, gefragt ist der reduzierte Preis. Richtig sind 200 Euro. Unter den Antworten stehen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch 50 Euro, denn viele rechnen den Rabatt aus und hören dort auf. Vielleicht stehen dort auch 230 Euro, gedacht für alle, die die 20 direkt vom Preis abziehen.

Wenn du eine Aufgabe richtig gelöst hast, ist sie deshalb noch nicht erledigt. Schau dir jede falsche Antwort an und frag dich: Was hätte jemand verwechselt, der diese hier wählt? So wird aus einer Aufgabe ein kleines Paket aus vier Lektionen. Mit der Zeit können auch die Antworten, auf die du selbst hereinfällst, ein Muster bilden. Wenn du bei Textaufgaben immer wieder die Aussage wählst, die zwar stimmt, aber die Frage nicht beantwortet, liegt dein Problem nicht im Wissen, sondern darin, wie du die Frage liest.

Miss auch, wie sicher du dir bist

Zu wissen, was du nicht weißt, gehört zum Nützlichsten, was du in eine Prüfung mitnehmen kannst. Dieses Gespür entwickelt sich nicht von selbst, lässt sich aber mit einer kleinen Gewohnheit messen. Bevor du die Lösungen anschaust, notiere neben jeder Aufgabe, wie sicher du warst. Drei Markierungen reichen: sicher, unsicher, geraten.

Wenn der Test vorbei ist, vergleiche die Markierungen mit deinen Ergebnissen. Vier Kombinationen sind besonders aufschlussreich:

Situation Bedeutung Was tun
Sicher und richtig Das Wissen sitzt Gelegentliche Wiederholung genügt
Sicher, aber falsch Ein Irrtum fühlt sich für dich richtig an Zuerst korrigieren
Unsicher und richtig Das Wissen ist da, aber wackelig Noch ein paar Aufgaben zum Thema lösen
Geraten und richtig Punkt bekommen, Wissen nicht Als unbekannt behandeln

Die zweite Zeile ist die wertvollste. Sich zu irren, obwohl man sich sicher war, ist ärgerlich, aber beim Wiederlesen deiner Notizen wäre es dir nie aufgefallen. Die Gedächtnisforschung hat hier sogar etwas Ermutigendes beobachtet: Falsche Antworten, die mit großer Überzeugung gegeben wurden, werden überraschend gut korrigiert, sobald man die richtige Lösung sieht. Die wahrscheinliche Erklärung: Die Überraschung schärft die Aufmerksamkeit.

Diese Notizen helfen auch bei der Prüfungsstrategie. Bei vielen Prüfungen gibt es für falsche Antworten keinen Abzug; dann bringt es nie etwas, eine Frage leer zu lassen. Wo es Minuspunkte gibt, ist die Rechnung einfach. Bei fünf Antwortmöglichkeiten und einem Viertelpunkt Abzug pro falscher Antwort liegt reines Raten in einem von fünf Fällen richtig, und auf lange Sicht gleichen sich Gewinn und Verlust aus. Sobald du eine Antwort sicher ausschließen kannst, kippt die Rechnung zu deinen Gunsten. Bei vier Antwortmöglichkeiten und einem Drittelpunkt Abzug gilt dasselbe.

Entscheidend ist das Wort „sicher“. Wie weit du deinen Ausschlüssen trauen kannst, verraten dir nur deine eigenen Aufzeichnungen. Wer weiß, wie oft die als „unsicher“ markierten Antworten richtig sind, trifft diese Entscheidung nach Daten statt nach Bauchgefühl.

Kurze Thementests und lange Probeprüfungen leisten Verschiedenes

Beides heißt „Übungstests machen“, aber sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Ein Thementest umfasst meist 10 bis 20 Aufgaben zu einem einzigen Thema und fragt: Wie gut kann ich dieses Thema gerade anwenden? Weil er kurz ist, kommt die Rückmeldung schnell. Wenn du ihn am selben Tag löst, an dem du das Thema lernst, erwischst du die Lücken, solange sie noch frisch sind. Er passt außerdem in eine Viertelstunde, etwa in eine Busfahrt oder die Pause zwischen zwei Stunden.

Eine Probeprüfung ist dagegen die Generalprobe für den Ernstfall. Die Themen mischen sich, die Zeit wird länger, die Müdigkeit setzt ein. Sie misst weniger, ob du jedes Thema einzeln beherrschst, als vielmehr, ob du alles zusammen in einer Sitzung und unter Zeitdruck anwenden kannst. Dafür ist sie aufwendig: Damit sich eine Probeprüfung lohnt, braucht es danach eine gründliche Auswertung, die wir Schritt für Schritt in unserer Anleitung zur Probetest-Analyse beschreiben.

Dazwischen gibt es noch eine Stufe: gemischte Tests mit 20 bis 30 Aufgaben aus mehreren Themen. Wenn du ein Thema für sich sicher löst, bei gemischten Aufgaben aber hängen bleibst, fehlt dir nicht das Wissen, sondern die Fähigkeit, schnell zu erkennen, zu welchem Thema eine Aufgabe gehört. Genau das trainieren gemischte Tests.

Erst Genauigkeit, dann Tempo

Von Anfang an mit der Stoppuhr zu üben, ist verlockend. In der Prüfung läuft schließlich auch die Zeit, also scheint es sinnvoll, sich früh daran zu gewöhnen. Bei einem gerade gelernten Thema kann das aber nach hinten losgehen. Wer hetzt, bevor die Methode sitzt, übt am Ende seine hastigen Fehler statt der richtigen Schritte.

Besser funktioniert diese Reihenfolge: Bei einem neuen Thema ohne Zeitlimit arbeiten und jeden Schritt bewusst gehen. Sobald die meisten Aufgaben richtig sind, ein Zeitlimit dazunehmen, erst großzügig, dann etwas knapper als die Zeit pro Aufgabe in der Prüfung. Das Tempo kommt meist von selbst, wenn dieselben Schritte oft genug richtig gemacht wurden. Wer mit Schaltgetriebe Autofahren gelernt hat, kennt das: Anfangs schaltet man langsam und konzentriert, ein paar Wochen später merkt man, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt.

Werbung

Deck die Antworten ab und antworte zuerst selbst

Multiple-Choice-Aufgaben haben eine Schwachstelle: Sie belohnen manchmal das Wiedererkennen statt des Abrufens. Der Name eines Vertrags fällt dir allein vielleicht nicht ein, aber sobald du ihn unter den Antworten siehst, denkst du: Ja, genau der. Den Punkt bekommst du, das Wissen bleibt wackelig.

Die Abhilfe ist einfach. Deck bei Wissensfragen die Antwortmöglichkeiten mit der Hand oder einem Blatt ab, lies die Frage und gib deine Antwort zuerst selbst. Dann schau auf die Antworten. Steht deine dabei, sitzt das Wissen. Findest du sie erst, wenn du die Antworten siehst, ist es noch auf der Stufe des Wiedererkennens und kann dich im Stich lassen, wenn die Prüfung etwas anders fragt.

Das klappt nicht bei jedem Aufgabentyp. Fragen wie „Welche Aussage lässt sich nicht ableiten?“ verlangen, dass du die Antworten direkt vergleichst. In Geschichte, Erdkunde, Biologie, beim Vokabellernen oder bei Verkehrsregeln zeigt es aber schnell, was wirklich sitzt.

Wann Übungstests nicht helfen

Übungstests sind ein starkes Werkzeug, aber nicht jede Art, sie zu nutzen, zahlt sich aus. Diese vier Gewohnheiten können die investierten Stunden verpuffen lassen:

  • Denselben Test kurz danach noch einmal machen. Eine hohe Punktzahl beim zweiten Mal kann bedeuten, dass du dich an die Antworten erinnerst, nicht dass du das Thema gelernt hast. Wenn du Fortschritt sehen willst, löse andere Aufgaben zum selben Thema.
  • Bei Tests bleiben, die sich bequem anfühlen. Ein Test, bei dem du jedes Mal 19 von 20 Punkten holst, fühlt sich gut an, bringt dir aber nichts Neues bei. Das Niveau, auf dem dir ein paar Aufgaben schwerfallen, ist das Niveau, auf dem Lernen passiert.
  • Lange Tests zu Themen machen, die du noch nicht gelernt hast. Vor einem neuen Thema zwei, drei Aufgaben anzuschauen, zeigt dir, worauf du im Unterricht achten solltest. 40 Aufgaben zu einem Thema, das du nie gesehen hast, werden dagegen zur Rateübung und drücken vor allem auf die Stimmung.
  • Die Zahl der Aufgaben zum Ziel machen. „Heute habe ich 300 Aufgaben gelöst“ klingt nach viel, sagt allein aber wenig aus. Eine Aufgabe, deren Lösung du nie gelesen und deren Fehler du nie verstanden hast, macht die Zahl größer, nicht dein Wissen.

Am wichtigsten sind die paar Minuten nach dem Test. Lies nicht nur die Lösungen zu deinen Fehlern, sondern wirf auch einen Blick auf die Erklärungen der Aufgaben, die du richtig hattest. Manchmal findest du einen Weg, der in zwei Schritten erledigt, wofür du vier gebraucht hast, und in der Prüfung spart dir genau dieser Weg Minuten.

Übungstests nach Alter und Ziel

In der Grundschule

In diesem Alter geht es um eine Gewohnheit, nicht um Punkte. Kurze Tests mit fünf bis zehn Aufgaben reichen. Einem Kind, das gerade lesen lernt, die Fragen vorzulesen und danach zu fragen „Warum glaubst du, dass es diese ist?“, bringt mehr als das bloße Finden der richtigen Antwort. Statt Tests zur täglichen Hausaufgabe zu machen, kannst du sie ein paar Mal pro Woche als kurze gemeinsame Aktivität anbieten. Das kann helfen, dass das Kind sie nicht als Last empfindet.

In der weiterführenden Schule

Viele Aufgaben arbeiten mit langen Texten, Tabellen und Diagrammen. Wer dabei hängen bleibt, hat nicht immer eine Wissenslücke; manchmal ist das Wissen da, aber die eigentliche Frage im Text zu finden, kostet Zeit. Regelmäßiges Üben baut die Ausdauer auf, solche Texte ohne Ermüdung zu lesen. Manche lesen zuerst die eigentliche Fragestellung und gehen dann in den Text, andere lesen den Text von vorn. Was zu dir passt, findest du nur durch Ausprobieren heraus.

Vor Abschluss- und Aufnahmeprüfungen

Die Zahl der Themen wächst, und sie hängen voneinander ab. Eine Physikaufgabe braucht vielleicht Trigonometrie, eine Chemieaufgabe den Dreisatz. Wer von Thementests über gemischte Tests zu Probeprüfungen geht, sieht leichter, welches Glied der Kette schwach ist.

Für Erwachsene: Zertifikate, Sprachprüfungen und Führerscheintheorie

Für Berufstätige ist Zeit die knappste Ressource. Ein Test von 15 bis 20 Minuten pro Tag lässt sich leichter durchhalten als ein vierstündiger Marathon am Wochenende und verteilt das Lernen auf die ganze Woche. Wenn deine Prüfung am Computer oder Tablet stattfindet, wie die theoretische Führerscheinprüfung in Deutschland, gewöhn dich in den letzten Wochen daran, am Bildschirm zu antworten. Bei Verkehrszeichen hilft die Frage „Warum steht dieses Schild hier?“ mehr als reines Auswendiglernen, um ähnlich aussehende Schilder auseinanderzuhalten.

Ändere beim nächsten Test nur eine Sache

Versuch nicht, alles auf einmal umzusetzen. Wähl eine Gewohnheit: Entweder notierst du neben jeder Aufgabe, wie sicher du warst, oder du deckst bei Wissensfragen die Antworten ab und antwortest zuerst selbst. Nach ein paar Tests hast du ein deutlich klareres Bild davon, was du wirklich weißt, als es eine einzelne Punktzahl je liefern könnte.

Häufige Fragen

Wie viele Übungstests sollte ich pro Tag machen?

Eine Zahl, die für alle passt, gibt es nicht. Frag dich lieber: Bleibt dir Zeit, die Erklärungen zu den gelösten Tests zu lesen? Einen Test mit 20 Aufgaben zu lösen und die Erklärungen durchzugehen, dauert grob eine halbe Stunde. Ein oder zwei Tests am Tag bringen mehr als zehn, die du fürs Wochenende aufsparst, weil sich die Arbeit verteilt und die Fehler eines Tests vor dem nächsten behoben werden.

Erst den Stoff lernen oder gleich mit Tests anfangen?

Beides kommt nacheinander, das eine ersetzt das andere nicht. Ein Kreislauf, der funktioniert: Thema lernen, am selben Tag einen kurzen Test machen, ein paar Tage später das Thema in gemischten Aufgaben wiedersehen.

Bringen Tests auf dem Handy genauso viel wie auf Papier?

Für das Lernen zählt weniger das Medium als der Ablauf: nachdenken, bevor du die Lösung ansiehst, verstehen, warum etwas falsch war, die Erklärung lesen. Rechne auf dem Handy nicht im Kopf, sondern leg dir Schmierpapier daneben. Findet deine Prüfung auf Papier statt, löse in den letzten Wochen auch ein paar Tests auf Papier, samt Antwortbogen, damit es am Prüfungstag keine Überraschungen gibt.

Machen Übungstests klüger?

Sie verbessern dein Wissen im geübten Fach und wie schnell du darin denkst. Starke Belege dafür, dass sie die allgemeine Intelligenz oder den IQ-Wert erhöhen, gibt es nicht. Der Unterschied ist wichtig, denn der Gewinn ist echt, aber begrenzt: Wer viele Matheaufgaben löst, wird in Mathe schneller, und dieses Tempo überträgt sich nicht automatisch auf Geschichte. Dieselbe Frage für Denkspiele behandeln wir im Beitrag Machen Denkspiele klüger?

Werbung
EK

Emre Karaman

Ich habe Test Merkezim gegründet, damit Menschen sich kostenlos testen und mit Denkspielen eine gute Zeit haben können. Gestaltung und Entwicklung liegen bei mir; zugleich mache ich die Plattform Schritt für Schritt nützlicher und zugänglicher. Über mich